Die Erstbegehung der Eiger-Nordwand - Freiluftseele

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Die Erstbegehung der Eiger-Nordwand
Juli 2021
Rückblick: Die Erstbegehung der Eiger-Nordwand
Sternstunde des Alpinismus

Am 24. Juli 1938 drücken sich vier Männer im Schneesturm auf dem 3970 Meter hohen Gipfel des Eigers die Hand. Anderl Heckmair, Wiggerl Vörg, Fritz Kasparek und Heinrich Harrer haben es geschafft. Sie haben das "letzte Problem der Alpen", die Eiger-Nordwand, als Erste durchstiegen. Eine Sternstunde des Alpinismus - ein bergsteigerischer Erfolg, der bis heute rund um die Welt gewürdigt wird!

Nirgendwo bündelt sich alles in derart geballter Form: Abenteuerliches wie Absurdes, Strategisches wie Skurriles, Dramatisches wie Drastisches, Trickreiches wie Traumatisches! Wer sie sieht, muss ihr verfallen. Einerlei ob er sich Bewunderer oder Bergsteiger nennt.
Der Typ da am Beckenrand sieht irgendwie lässig aus. Durchtrainierter Körper, markante Gesichtszüge. Könnte ein Sportler sein oder ein Model. Würde locker in unsere Zeit passen, einzig die Badehose verrät, dass das lang her sein muss. Was das mit der Eiger-Nordwand zu tun hat? Eine Menge. Es war Anderl Heckmair, der zeitweise in einer Badeanstalt unterkam und sich als Tourist tarnte, um nicht als Eigerwand-Kandidat aufzufallen.

Das hatte es vorher so noch nie gegeben. Nach etlichen Todesfällen, vor allem aber nach dem großen Drama um Toni Kurz 1936 stürzte sich die Presse auf jeden, der offenbar mit der Nordwand liebäugelte. Eine Wand war zur Arena geworden, die Alpinisten zu Todeskandidaten. Oder zu Helden, wie Heckmair, Vörg, Kasparek und Harrer, denen schließlich die erste Durchsteigung der »Mordwand« gelang. Gewiss, das war dramatisch und durch einen Wettersturz bedrohlich, und ja, es war eine außerordentliche bergsteigerische Leistung – aber es waren keine Helden, es waren Menschen mit Kauzigkeiten, Schwächen und Normalitäten. Anderl Heckmair zum Beispiel kämpfte im Biwak mit Rheumawatte, von der er sich Schutz vor Erfrierungen erhoffte, die dann aber an den Füßen klebend so höllisch brannte, dass man ihn weithin fluchen hörte. Sogar ein Fläschchen Notfall-Herztropfen trank er aus, weil er »einen Durst« hatte, und ausgerechnet in der Eigerwand verdarb er sich an einer Büchse Ölsardinen den Magen. Derselbe Anderl Heckmair, der trotz Schneesturm und Lawinen alle souverän aus der Wand führte, verlor dann beim Abstieg über den Westgrat wegen eines gerissenen Gummizugs am Hosenbund jede Contenance. Soweit also zu den »übermenschlichen Helden«, zu denen sie vor allem die Nazi-Propaganda anschließend stilisierte.
Um nicht zu sehr als Nordwand-Belagerer aufzufallen, hauste Anderl Heckmair zeitweise im Schwimmbad von Interlaken.
© Archiv Heckmair-Auffermann
Mangel an Ausrüstung
Das rund 1800 Meter hohe Nordkonkav des Eigers war fortan zu mehr geworden als nur zur bergsteigerischen Herausforderung der Superlative. Gute Alpinisten sahen in einer Durchsteigung ein absolutes Muss für ihre Entwicklung, und für die ohnehin schon perfekten Bergsteiger war sie eine sehr ernste, aber lösbare Aufgabe. Viele allerdings hatten zu wenig Erfahrung und verloren ihr Leben. Manche hatten riesiges Glück und kamen irgendwie durch. Auch Mangel an guter Ausrüstung und Geld war ein Thema. Bei der spektakulären Wintererstbegehung 1961 hatte Walter Almberger, von Beruf Bergmann, seinen Grubenhelm dabei, weil er sich einen Steinschlaghelm schlicht nicht leisten konnte.
Die Erstbegehung von 1938. © Archiv Heckmair-Auffermann
Die Eiger-Nordwand ist nicht nur Schauplatz alpiner Sternstunden, sondern überaus gefährlich, mit dramatischen Unglücken. Spätestens durch den Kinofilm »Nordwand« ist das auch Laien deutlich geworden. Dass in der Nordwand übrigens schnell ein Inferno losgehen kann, liegt an der besonderen Exposition. Da reicht schon eine einzige Wolke. »Der Eiger setzt seine Schlafmütze auf«, hieß es bereits bei den Schilderungen Heinrich Harrers. Das gilt bis heute. Roger Schäli hat das spezielle Mikroklima mal im Winter erlebt. Das geplante Biwak verlief gut. Doch an der Spinne wurde es dunkel. Eine kleine Wolke hatte sich gebildet und schneite nun aus. »Wir sind zum Mittellegigrat gequert und haben da ein Notbiwak verbracht. Die Situation war ziemlich heikel«, erzählt Schäli. Und das sagt einer, der zu der Handvoll Profis gehört, die durch extreme Neutouren, vor allem aber durch Schnellbegehungen der Wand eigentlich ihren düsteren Nimbus entrissen haben.
© Archiv Heckmair-Auffermann
Bei seiner ersten Durchsteigung hatte der Südtiroler Christoph Hainz noch nicht einmal eine Routenbeschreibung dabei. Unbekümmert hielt er es dann auch bei seiner Solo-Begehung. »Einsteigen und durch« war seine Devise und zeigt den Grad der Überlegenheit, die die heutigen Athleten in der Nordwand demonstrieren.

Neben Ueli Steck (+ 2017), Roger Schäli oder Robert Jasper war es vor allem auch Stephan Siegrist, der gewiss mehr Stunden in der Eigerwand verbrachte als auf der heimischen Couch.
2017 durchsteigt Bergsteiger-Legende Peter Habeler, der übrigens über 30 Jahre lang zusammen mit Reinhold Messner den Rekord für die schnellste Seilschaftsbegehung der Heckmair-Route hielt, im Alter von 74 Jahren noch einmal die Eigerwand und ist damit der älteste Bergsteiger, der je die Nordwand durchstieg. Doch das war ihm einerlei in dieser Wand, die nichts, aber auch gar nichts von ihrer Anziehungskraft verloren hat!

Klappentext:
Anderl Heckmair muss man nicht vorstellen. Genauso wenig wie die Eiger-Nordwand, die er als Erster durchstieg! Als Herzstück des Alpinismus bleibt Heckmair unvergessen, ist nach wie vor Orientierung für alle, die Bergsteigen und die Natur als tiefstes Menschsein begreifen.

Das vorliegende Buch soll die Erinnerung an Anderl Heckmair wach halten. Ein Leben in Bildern, ergänzt mit Gedanken Heckmairs und Rückblicken von Freunden, von Weggefährten. Starke Momentaufnahmen eines bewegten Lebens. Sie geben Einblicke in eine Persönlichkeit, die gleichsam bodenständig und faszinierend tiefsinnig war!
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